Die Weisheit des Herrn Dr. Dr. Antolini

Vorbild Antolini ist altes Wiener Bürgertum, wie es leibt und lebt. Er könnte Menschen behandeln, entschied sich aber für Tiere – weil sie etwas in sich tragen, was uns abgeht Helmut Schödel

Wie er so herunterkam von der Salesianergasse im dritten Wiener Gemeindebezirk, wo er seine Praxis hat, zum alten Café am Heumarkt, konnte man ihn schon von Weitem an seiner unvergleichlichen Figur erkennen, wie sie nur ein genussfreudiger Mensch über Jahre hin erwerben kann. Der Bierbauch, obwohl er gar keinen Alkohol trank, schien nach hinten verrutscht, sein Gesicht strahlte eine große Gutmütigkeit aus und zeigte einen offenbar mit tiefer Einfühlsamkeit begabten Mann, der zugleich eine Koryphäe war: der prominenteste Tierarzt Wiens, den selbst Siegfried und Roy nach Las Vegas einfliegen ließen, als es um Katzenschnupfen-Probleme bei ihren weißen Tigern ging.

Seiner Kleidung, kein teures Tuch, keine Maßschuhe, sieht man nicht an, dass er höchst elegant im 1. Bezirk lebt, schräg gegenüber dem Stephansdom. Dort besitzt seine Gattin, die bis vor ein paar Jahren in Vöcklabruck im Vorstand des Zementherstellers Eternit saß, ein Mietshaus mit einem Palmers-Geschäft unten drin. Er nennt sie – für einen Tierarzt irgendwie naheliegend – liebevoll „Katzili“. Dr. Dr. Michael Antolini bewohnt mit seiner Gattin und einem braunen Zwergpudel eine ganze Etage und darunter lebt der Schwiegerpapa mit der Schwiegermama. Und in der Steiermark hat die Familie im tiefen Wald ein Landgut.

In der Stadt kursieren Anekdoten über den beliebten Tierarzt. „So viele Hektar Wald haben wir bekommen. Das sind in Festmetern 1000 ... Naa, stimmt net.“ Und dann lächelnd: „Der Papa hat’s uns g’schenkt.“ Das ist altes Wiener Bürgertum, wie es leibt und lebt, das kein Interesse hat, sich auf Partys zu zeigen und für Klatschkolumnisten zur Verfügung zu stehen. Man kennt es eigentlich gar nicht.

Beim Gespräch im Café erweckte er später sowieso den Eindruck, dass ihm zwei Leberkässemmeln vom guten „Neuburger“, von dem die Werbung sagt: „Sagen Sie niemals Leberkäse zu ihm“, dass ihm also diese herzhaften Semmeln wichtiger waren als ein Mietshaus, von dem man nichts abbeißen kann. Ein Affront gegen einen so leidenschaftlichen Esser. Für die Tierarztpraxis habe sich Antolini, der auch Humanmedizin studiert hat, entschieden, „weil Tiere kein soziales Netz haben und soviel hilfloser sind“. Außerdem seien sie „rein“. Sie verfügten über etwas wie „Reinheit“. Antolini sagte: „Es fehlt ihnen der böse Gedanke.“

Tierärzte hatten früher kein besonders hohes Sozialprestige. Was waren der „Hundsdoktor“ und der „Viehdoktor“ gegen den Internisten im städtischen Klinikum, als man Tiere noch als Sachen betrachtete und ihnen Gefühle und Seele absprach. Das warf einen dunklen Schatten auf die Veterinärmedizin, die man zwar brauchte, mit der man sich aber nicht schmücken konnte.

Das hat sich radikal verändert. Mittlerweile gelten Haustiere als Familienmitglieder und Partner. Über acht Millionen Katzen und 5,4 Millionen Hunde leben in deutschen Haushalten. Sie werden inzwischen mit den Möglichkeiten der Humanmedizin therapiert, mit modernsten Geräten operiert, man zieht ihnen kranke Zähne und behandelt ihren Zahnstein. Mit Chemotherapien versucht man im schlimmsten Fall ihr Leben zu verlängern und hat sie bereits auch in die Wellnessangebote einbezogen, ganz abgesehen vom Schnickschnack der Accessoire-Läden. Die Haustiere sind ein Wirtschaftsfaktor geworden, nicht nur durch Steuern und Tiermedizin – der größte Profiteur ist die Futtermittelindustrie.

Haustiere bringen, kosten aber vor allem Geld. Gesundheitsreformen in Rücksprache mit der Pharmaindustrie wie in der Humanmedizin müssen nicht befürchtet werden. Tiere sind in der Regel Selbstzahler, weil sich Krankenversicherungen bei der oft recht geringen Lebensdauer nicht lohnen, da wären die Prämien zu hoch. Die Tierärzte spüren also Krisenzeiten besonders. Nicht umsonst steht an vielen Praxistüren: „Behandlung gegen Barzahlung.“ Die Halter könnten das Schild mittlerweile lesen wie eine düstere Prognose für ihre eigene Patientenzukunft.

Bei Antolini aber bleibt kein Tier unbehandelt, und er erwartet in seiner Praxis nicht nur Prominente und Reiche. Eine Zeit lang seien auffallend viele Freudenmädchen mit ihren Hunden und Katzen bei ihm erschienen, bis er dann fragte, wie sie denn auf ihn gekommen seien, und eine Frau sagte: „ Ihre Adresse hängt im Untersuchungsraum.“

Er ist rund um die Uhr zu erreichen, kommt notfalls auch ins Haus und darf an seinem Wagen ein Blaulicht befestigen. Seine Praxis, die er zusammen mit einer Frau Dr. Schneider führt, betreten Hunde, die ihn schon kennen, nicht mit eingezogenem Schwanz, weil sie Angst haben. Im Gegenteil, sie begrüßen ihn, was er als seinen eigentlichen Lohn bezeichnet.

"Ich geh' dann halt was essen"

Er kommuniziert mit den Tieren, schaut ihnen mit seiner absoluten Seelenruhe in die Augen und weiß dann, ob sein Patient begriffen hat, dass er es gut mit ihm meint. Das sei meistens der Fall, ansonsten wird ganz sanft sediert. Fesseln und jede Art von Handgreiflichkeit ist bei Antolini ausgeschlossen: „Das zerstört Vertrauen. Die Ruhe macht es.“ Und wenn er dann wieder einmal erfolgreich war, geht eine seiner absolut tierlieben Mitarbeiterinnen hinunter zum „Spar-Gourmet“ und holt den Leberkäse, der nicht genannt sein will.

„Wenn Sie ein Tier, das Sie schon länger kennen, einschläfern müssen, wenn nichts mehr hilft“, das sei schlimm, „Abschiede sind immer schwer.“ Aber er dürfte dann nicht an sich denken, weil er nicht nur seinen Patienten angst- und schmerzfrei erlösen, sondern auch die Menschen, die ihren vierbeinigen Partner verlieren, betreuen muss. Er sei schon mit Herr und Hund auf einem Bett gelegen, davor auf einem Stuhl die weinende Gattin. Und er hat es hinbekommen. „Was machen Sie eigentlich danach?“ Traurig lächelt Antolini, wenn er sagt: „Was soll ich schon machen? Ich weiß dann auch nicht weiter.

Ich geh’ dann halt was essen.“

Einmal hat ihn ein Pferd schwer verletzt. Es war ein Polizeipferd aus Tschechien und man hatte ihn nicht informiert, dass es darauf dressiert war, zur Seite hin auszuschlagen, um Demonstranten zu treffen. Aber Angst vor Pferden hat er deshalb nicht. Es sei ja keine Bösartigkeit gewesen. Auch keine plötzliche „Charakterwendung“. Bei Tieren gebe es das nicht. „Tiere mobben nicht, spinnen keine Intrigen, wie Menschen, bei denen dann die anderen mithalten müssen, um zu überleben und dann doch daran zugrunde gehen“, sagt Antolini.

Er ist der Sohn eines italienischen Humanmediziners und einer Opernsängerin, die in einem Bürgerhaus ausgerechnet in der Münchner Veterinärstraße aufwuchs. Man lebte in Linz, der Vater ging irgendwann wieder nach Rom zurück, aber das war auch keine Katastrophe. Man befindet sich in gutem Kontakt. Er wuchs wohlbehütet auf, Großmama war eine Klavierpädagogin, die auch ihn unterrichtete, zusätzlich bekam er einen Geigenlehrer und folgte der Mutter in die Theater. „Ich lebte immer auf der Sonnenseite“, sagt er. Sein Vater sei Mediziner bereits in der 13. Generation, heute 79, ein „pumperlg’sunder Kettenraucher“, 140 Stück am Tag, „wir sind halt auch genetisch gut ausgestattet.“

Auch seine Frau erlebte die Schattenseiten nicht, ihre Mutter war ebenfalls Opernsängerin, der Vater Industrieller. Sie sei eine strenge Katholikin, er aber sei gar nicht streng. Katzili habe es inzwischen auch aufgegeben, ihn in den Dom zu schleppen, weil die schmalen Sitzflächen der Kirchenbänke den genussfreudigen Menschen zu sehr quälen.

Die Wertschätzung des Leids im Christentum könne er sowieso nicht teilen. Leid sei absolut sinnlos. Er sei angetreten, es zu verhindern. Einschläfern könne er allerdings nur, weil er über den Tod hinausschaue. Außerdem entschuldige er sich bei jedem Tier, dass es keinen anderen Weg mehr gibt, bevor er es töten muss, wie er sagt. Zur Befürwortung der Sterbehilfe beim Menschen könne er sich nicht durchringen, aber schmerzfrei müsse der Mensch sein, leiden dürfe er auf gar keinen Fall.

Die Reinheit nach der Verschmutzung

Einer seiner Lieblingsorte ist Michael Aufhausers Tierrettungsgut „Aiderbichl“, das Stammhaus oberhalb von Henndorf bei Salzburg, wo Tiere leben, denen unsägliches Leid geschah und die trotzdem wieder Freundschaft mit den Menschen geschlossen haben, auch kranke Kinder therapieren und selbst Hospizbewohnern Mut machen. „Auf Aiderbichl haben die Tiere verziehen“, sagt Antolini, „sie sind sozialisiert und treten sogar als Mittler zwischen Mensch und Tier auf. Das habe ich so noch nie gesehen. Denen wir Leid antaten, lernen verzeihen und werden zu Mentoren der Menschen. Das ist außerordentlich.“

Er kommt dann noch einmal auf die Reinheit zu sprechen: „Tiere geben uns Menschen die Liebe zurück und den Respekt, den wir verloren haben.“ Er hat sich schon einmal im Aiderbichler Hausmagazin dazu geäußert. „Denken Sie nur an missbrauchte Kinder, die in ihrer Integrität verletzt sind und kein Vertrauen mehr zum Menschen haben. Sie können sich nur über den Mittler Tier wiederfinden, weil sie Tieren vorbehaltlos gegenübertreten können. Der Grund ist die Reinheit der Tiere.“ Die habe mit unserem Sauberkeitswahn nichts zu tun, von dem ganze Industriezweige leben. Sauberkeit sei die Reinheit nach der Verschmutzung. Die könnten wir erreichen. Aber die Reinheit sei weit weg. Wann, wenn nicht heute, muss man ihm vorbehaltlos zustimmen?

Eine Katze, die eine Maus frisst, folge ausschließlich ihrer Bestimmung, die denke sich nicht „jetzt bring ich halt mal eine Maus um“. Sie rottet sich auch nicht mit anderen Katzen zusammen, um alle Mäuse von Wien zu vernichten. Da wären wir schon wieder bei den Menschen. Trotzdem ist aus Antolini kein Misanthrop geworden.

Es gab dann noch einen Nachmittagskaffee im Haus beim Dom, mit Mehlspeisen auf feinem Porzellan. Antolinis Augen glänzten, wegen der Petits Fours und weil der Dompfarrer, mit dem man in gutem Einvernehmen steht, jetzt auch Tiere segnet, direkt vor dem Stephansdom. Frau Antolini, die inzwischen auch in der Praxis mithilft, versucht auch den Wiener Kardinal Christoph Schönborn als besonders tierlieb herauszuheben, aber da musste Antolini, wenn auch widerstrebend, liebevoll berichtigen. „Katzili, der Schönborn nicht.“

Helmut Schödel ist Dramaturg und Autor in Deutschland und Österreich. Zwischen 2003 und 2005 war er Professor am Mozarteum in Salzburg

   

Das Video  

Es war Einmal! In unserer Praxis!
Tierarzt DDr. Antolini,
1030 Wien.
Mit vielen lieben Dank für die Produktion dieses Videos an Frau Karin Schiller. 

 

   
© DDr. Michael Antolini